Das erste Kapitel: Wie man es richtig angeht

Die ersten Seiten sind entscheidend, wenn man einen Leser für seine Geschichte begeistern möchte. Ist der Anfang langweilig oder zäh zu lesen, wird das Buch beiseite gelegt. Folgende Punkte sollte man daher unbedingt beim ersten Kapitel beachten:

 

Ausdruck, Stimmung und Erzählstil

Jede Geschichte braucht ansprechende Protagonisten und einen spannenden Plot. Das allein ist aber noch nicht ausreichend, damit Deine Geschichte zur Erfolgsgeschichte wird. Mindestens genauso wichtig ist es, dass Du die Erzählperspektive, die Grundstimmung und den Erzählstil für die Geschichte festlegst. Handelt es sich um einen auktorialen oder personalen Erzähler? Ist der Erzähler humorvoll, sarkastisch, ernst oder melancolisch? Verwendet er eine kindgerechte Sprache oder geht es eher vulgär zu? Wird es eine leichte, unterhaltsame Geschichte mit Happy End oder ein mitreißendes Drama?

Plot

Das erste Kapitel sollte von dem Ereignis handeln, das die folgenden Geschehnisse auslöst und Grundlage für das weitere Handeln des Protagonisten ist. Beginne mit einem Konflikt! Gib dem Protagonisten einen Grund sich aufzuregen! Dadurch wird Spannung erzeugt und die Handlung in Gang gebracht. Dabei sollte man darauf achten, dass die Ereignisse im ersten Kapitel für den Rest des Plots relevant sind. Indem man zu Anfang eine scheinbar unwichtige Information liefert, die sich am Ende als wichtiger Bestandteil der Geschichte entpuppt, erzeugt man einen Überraschungseffekt. Schließlich ist es auch wichtig, das richtige Maß an Spannung zu finden. Das erste Kapitel darf auf keinen Fall langweilig sein, es darf aber auch nicht überzogen wirken. Die Kunst besteht darin, die goldene Mitte zu finden.

Emotionale Verbindung

Sorge dafür, dass der Leser sich für den Protagonisten und seine Geschichte interessiert. Die Regel „Show, don’t tell“ ist deshalb für das erste Kapitel besonders wichtig. Konzentriere Dich darauf, dem Leser die Situation und den Charakter des Protagonisten durch Körpersprache, Handlungen, Gefühle, Gedanken und starke Dialoge zu vermitteln. Überfordere Deine Leser nicht mit Heerscharen an Charakteren oder langatmigen Beschreibungen.

Geheimnisse

Hab keine Angst davor, den Leser ein wenig aus dem Gleichgewicht zu bringen. Es hilft dem Leser dabei, sich mit der Geschichte verbunden zu fühlen, wenn er sich selbst Fragen dazu stellt. Wenn man mit einem Dialog oder in der Mitte einer Szene beginnt, denkt der Leser darüber nach, was genau da eigentlich vor sich geht, wie der Protagonist in diese Lage geraten ist und was als Nächstes passieren wird. Konzentriere Dich dennoch darauf, was in diesem Moment geschieht und halte Vorausdeutungen oder Rückblicke subtil.

Ausrichtung

Manchmal passiert es, dass ein Schreiber selbst die Richtung aus dem Blick verliert, in die sich die Geschichte entwickeln soll. Nichts ist schlimmer, als wenn man ein neues Buch beginnt und sich dann in der eigenen Geschichte verstrickt, weil man zu viel auf einmal erzählen möchte. Hilf Deinen Lesern auf den ersten Seiten in die Geschichte zu finden. Stelle den Protagonisten vor und einige weitere, wichtige Charaktere. Beschreibe gerade so viel, dass der Leser weiß, wo die Geschichte stattfindet, wer sich dort befindet, was gerade passiert und warum das wichtig ist.

Wo und mit wem anfangen?

Manchmal kann es schwierig sein zu entscheiden, mit welchem Ereignis man die Geschichte beginnen lassen möchte oder wer im ersten Kapitel unbedingt vorgestellt werden sollte. Hier sind ein paar Tipps, wie man es am besten angeht:

Zu welchem Zeitpunkt in der Geschichte beginnt der eigentliche Hauptplot?

Geh einen Schritt zurück und fang dort an. Das gibt den Lesern die Möglichkeit, sich zu orientieren und sich für die Geschehnisse zu interessieren, bevor es richtig losgeht. Aber bitte nicht so weit zurückgehen, dass der Leser sich langweilt, weil er darauf wartet, dass endlich etwas passiert.

Wer ist am Hauptplot beteiligt?

Wenn es möglich ist, erwähne bereits ein oder zwei Charaktere außer dem Protagonisten, die später eine bedeutende Rolle spielen werden. Belasse es zu Anfang bei wenigen Charakteren, damit es nicht verwirrend wird.

No-nos

Die folgenden Punkte sollten Sie im ersten Kapitel unbedingt vermeiden, weil Leser sich dadurch leicht gelangweilt fühlen:

  • zu lange Beschreibungen

  • Hintergrundgeschichten

  • Rückblenden

  • eine persönliche Vorstellung in der Art von: „Hallo, mein Name ist Astrid und ich bin Autorin. Eines Tages ist mir etwas Verrücktes passiert.“

  • Klischees

Der Prolog

In der Belletristik ist es am besten, den Prolog zu vermeiden. Bevor Du einen Prolog schreibst, solltest Du Dich fragen:

  1. Könnte der Prolog auch im ersten Kapitel stehen?

  2. Könnten die Informationen des Prologs aufgeteilt und im Verlauf der Geschichte stückchenweise eingebaut werden?

Nur wenn Du beide Fragen verneinst, könnte der Prolog tatsächlich nötig sein. Sorge aber trotzdem dafür, dass der Prolog nicht zu weit vom ersten Kapitel wegführt und spannend genug ist, um Deine Leser zu fesseln.

Geht es auch anders?

Natürlich gibt es Bücher, die einige der genannten Regeln missachten und dennoch Bestseller sind. Aber wenn man sich gerade ein wenig festgefahren hat oder nicht recht weiß, wie man anfangen soll, liefern diese Regeln einen vernünftigen Rahmen, an dem man sich orientieren kann.